Tudors Tottenham-Drahtseilakt: Ein Punkt, ein Versprechen und viele Fragen
Igor Tudor holte am Samstag seinen ersten Premier-League-Punkt als Interimstrainer von Tottenham, ein hart erkämpftes 1:1-Unentschieden gegen ein bissiges Brighton zu Hause. Richarlison rettete das Spiel mit einem umstrittenen Ausgleich in der 78. Minute, nachdem Kaoru Mitoma die Gäste kurz vor der Halbzeit in Führung gebracht hatte. Für einen Verein, der wochenlang führungslos wirkte, fühlte es sich weniger wie eine Feier an, sondern eher wie ein Seufzer der Erleichterung. Tudor wischte, wie so oft, Fragen nach seinen langfristigen Aussichten beiseite und erklärte, er denke "nie" über seine Zukunft nach und konzentriere sich nur auf das nächste Spiel. Das ist sicherlich ein edles Gefühl, aber es ist auch die Art von Standardantwort, die Trainer geben, wenn der Boden unter ihnen wie Treibsand schwankt.
Die Sache ist die: Tottenham ist nicht nur ein weiterer Verein im Umbruch. Sie sind ein Top-Sechs-Team, das 2019 Champions-League-Finalist war und 2024 kaum noch einen Europa-Conference-League-Platz hält. Ihr letzter Ligasieg war am 9. März gegen Nottingham Forest, ein 3:1-Sieg, der sich jetzt wie eine Ewigkeit anfühlt. Seitdem haben sie Punkte gegen Fulham, Newcastle und West Ham liegen gelassen und damit jede Hoffnung auf europäischen Fußball in der nächsten Saison zunichte gemacht. Harry Kane, der diese Mannschaft mit 27 Toren in dieser Saison auf seinen Schultern getragen hat, wirkte gegen Brighton sichtlich frustriert und ließ sich oft tief fallen, um etwas zu entfachen, was nicht da war. Es steht nicht nur Tudors Zukunft auf dem Spiel; es ist die unmittelbare Entwicklung eines Vereins, der seinen Weg verloren zu haben scheint.
Tudors Lebenslauf ist auch nicht gerade glänzend. Er führte Marseille in der letzten Saison zu einem respektablen dritten Platz in der Ligue 1, eine solide Leistung, aber kaum ein Beweis dafür, dass er bereit ist für das unversöhnliche Rampenlicht der Premier League. Davor war er bei Verona, Hajduk Split und Udinese tätig, wobei keines dieser Engagements die Welt wirklich in Brand setzte. Brighton kam, trotz all ihrer Offensivkraft, mit drei Niederlagen aus den letzten fünf Ligaspielen in das Samstagsspiel. Ein Unentschieden zu Hause, selbst mit einem späten Ausgleich, ist nicht gerade eine glänzende Bestätigung für Tudors taktisches Genie. Es fühlt sich eher wie eine Übergangslösung an, ein temporäres Pflaster auf einer klaffenden Wunde.
Mal ehrlich: Tudors Aussage, er denke "nie" über seine Zukunft nach, ist eine Ausrede. Jeder Trainer, besonders einer, der in eine Krise geraten ist, hat seine Zukunft im Kopf. Die Tottenham-Fans, die diese Achterbahnfahrt seit Jahren ertragen, verdienen mehr als Plattitüden. Sie verdienen einen Plan. Dieser Verein gab im Sommer 2022 60 Millionen Pfund für Richarlison aus, und er zeigt erst jetzt Andeutungen dessen, was er *sein könnte*. Romero war ein Fels in der Brandung in der Abwehr, aber die defensive Konstanz fehlt. Die Spurs haben in 31 Ligaspielen 51 Gegentore kassiert, eine Bilanz, die sie in der defensiven Leistung fest in die untere Tabellenhälfte einordnet. Das ist nicht gut genug für ein Team mit Champions-League-Ambitionen.
Meine kühne These? Tottenham wird diese Saison außerhalb der Top Acht abschließen, und Daniel Levy wird gezwungen sein, im Sommer eine Statement-Verpflichtung zu tätigen – nicht nur einen Spieler, sondern einen bewährten, erstklassigen Manager, der diesem Verein wieder Glauben einflößen kann.
